Vorstadthochzeit anno 1905 e.V.
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Geburt und Wiedergeburt eines traditionellen Münchner Faschingfestes

Der Münchner Fasching ist ab der Jahrhundertwende dank seiner Künstlerfeste weltberühmt geworden. Da war die legendäre „Bauernkirta“ beim alten Schwabinger Wirt und in der „Blüte“, einer urgemütlichen Stätte in der Blütenstraße, triumphierten die „ Gaukler“, „Argonauten“ und der „Modellball“, um nur einige der beliebtesten Feste zu nennen, die auch heute noch, nach Jahrzehnzehnten, in aller Munde sind.

Das alles wiederholte sich Jahr um Jahr und es konnte nicht ausbleiben, dass sich eine gewisse „Faschingsprominenz“ entwickelte, die beim Arrangieren tonangebend war und kein Dreinreden jüngerer Kräfte duldete. Schön langsam wurde es also fad und 1908 beschloss ein junger, zugereister Karikaturist „etwas ganz anderes“ zu machen. Er hieß Karl Arnold, war Mitarbeiter des Simplicissimus und Treibauf einer Schwabinger Runde, zu der Maler Albert Weisgerber, Willi Geiger, Max Unold und andere gehörten. Ihnen allen fiel dauernd sehr viel ein, aber Karl Arnolds Idee war es eine ehrbare Vorstadt-Hochzeit zu parodieren. Für dieses Fest ging man in den Arzberger Keller und was Arnold aus seiner kleinstädtischen Kindheit her bestens kannte, ließ er dabei – mit höchst originellen Einfällen ausgestattet – aufmarschieren.

Es gab den Einzug des Veteranenvereins, der Feuerwehr, des Gesangsvereins und die Parade des Jungfrauenvereins. An einem weißgedeckten Tisch saß das Brautpaar samt Verwandtschaft, in einem Kinderwagen wurde bereits vorhandener Nachwuchs hereingeschoben. Der Vorstand des Veteranenvereins hielt eine schwungvolle Ansprache:
„Mein Freund, der Brautvater, war einer von denen , wo die Kugeln haben pfeifen hören bei „Bazilles“. Der Gesangverein „Harmonie“ sang falsch und der Brautvater, ein „Charcutier“, dankte ergriffen für alle Ehrungen, nicht ohne bei dieser Gelegenheit gleich seinen 1a Schwartemagen zu empfehlen. Ferner wurde ein Theaterstück aufgeführt und die Hauptperson dabei war König Ludwig I, der einer alten Frau ihren entflogenen Kanarienvogel wiederbrachte. Auch Kaiser Wilhelm erschien auf der Bühne. Im Lodenanzug mit Kürassierhelm saß er auf dem Fahrrad und schnarrte ein verzweifeltes: „Wo ist Ganghofer? Oh, diese Bayern, wo ist mein Ganghofer?“ Ein schrilles Fahrradklingeln und schon sauste er wieder ab. Dann wurde König Ludwig, den Karl Arnold unnachahmlich spielte, in Lebensgröße durch den Saal getragen. Jeder einzelne hielt seine Rolle eisern durch, dies war auch Bedingung.

Diese Vorstadt-Hochzeit war bis 1914 das originellste Münchner Faschingsfest. In den Zwanziger Jahren geisterte es dann als wehmütige Erinnerung herum, schüchterne Versuche es wiederzuerwecken, scheiterten jedoch allesamt. Zwei Jahrzehnte vergingen, München lag in Schutt, und die Künstlergruppe „ Die Juryfreien“ fing im einstigen Dampfbad des Regina-Hotels wieder mit dem Fasching an. Der Bazillus gedieh wie kaum zuvor... und wieder sprach man in faschingsbewussten Kreisen von Karl Arnold’s „Vorstadt-Hochzeit“. Diesmal wurde zur Tat geschritten und eine Inszenierung gestartet, die sich sehen lassen konnte.

Im Kreuzbräu, in der Hackenstraße arrangierte im Jahre 1951 eine kleine Gruppe das unvergessene Fest. Hauptmatador war dabei der Schwabinger Maler Eglseder, der unmittelbar nach seiner epochalen Tat nach Amerika auswanderte, wo er seitdem so gut wie verschollen ist. Scherzweise erzählt man sich, dass er die Kasse mitnahm, aber die Besucherzahl war recht klein gewesen. So klein, dass in den nächsten Jahren nichts geschah, bis 1958 ein neues Komitee zusammentrat. Es bestand aus den Rechtsanwälten Claus Bastian und Hans Pixis, dem weltmännischen Bohemien Edi Sohler, dem jede Gelegenheit willkommen war, sein Fotoatelier zu vernachlässigen und dem Innenarchtitekten Hans Ley. Letzterem oblag die Dekoration. Ferner wurde der bayrische Dramatiker Hans Fitz gewonnen, der extra einen Einakter für diesen Abend schrieb, während seine Frau Ilse Fitz es übernahm, einen Jungfrauenchor zusammenzutrommeln und im – falschen Gesang- auszubilden. Die übrigen Herren nutzten ihre weitverzweigten gesellschaftlichen Beziehungen in der Stadt, um die richtigen Leute einzuladen.

Das Fest im Zum Franziskaner über der Klause in Harlaching besaß unvergleichlichen Glanz. Bei strengster Kostümvorschrift kam alles in der Mode um die Jahrhundertwende. Leutnants in himmelblauen bayrischen Uniformen, Coleurstudenten, Lebemänner, Maler, Literatenbohemiens, Vorstadttypen und atemberaubend korsettierte Damen. Der Einzug der Jungfrauenkongregation „Weiße Lilie“ war ergreifend, ihr Gesang rührte zu Tränen. Ferner paradierte der Radlerverein „Brustweit 1890“ und der Ring- und Stemmklub „Tassilo“. Das Brautpaar erlebte beim Hochzeitsessen rührselige Ansprachen und einen handfesten Krach – und dann kam das Festspiel, bei dem nicht mehr Ludwig I, sondern Bayerns Märchenkönig Ludwig II als Volksbeglücker auftrat. Dargestellt wurde er, zum Verwechseln ähnlich, von dem hünenhaften Karikaturisten Ernst Maria Lang, der sein Bestes gab.

Von nun an gehörte die Vorstadt-Hochzeit wieder zum Münchner Fasching, aber man beließ den Verlauf des Festes und die Organisation, deren besonderes Merkmal darin besteht, dass das Fest auf keinen Fall öffentlich angekündigt wird. Karten gab es grundsätzlich und ausschließlich nur auf persönliche Einladung. Größter Wert wird auch auf die richtige Kostümierung gelegt und dieserhalb steht auf jeder Einladung:
„Falschangezogene werden nicht hereingelassen und können uns überhaupts“
Die Vorbereitungen verlangen sehr viel Mühe, die meisten Verdienste hat sich dabei Edi Sohler erworben und in den letzten Jahren blieb fast die ganze Arbeit an ihm allein hängen. Aber mit einer echten Freude und einem typisch münchnerischen Faschings-Idealismus hat er das Fest immer wieder auf die Beine gestellt. 1966 hat Edi Sohler unsere Welt, die er so liebte, verlassen müssen. Das Komitee aber stand vor der Aufgabe, zur Ehre des teuren Freundes weiterhin glanzvolle Vorstadthochzeiten auszurichten. Wiederum fanden sich Gönner, die diese Bemühungen unterstützten.

Der Vollständigkeit halber sei diesem historischen Bericht hinzugefügt, dass es auch Bemühungen zu „Gegenfesten“ gab – oft kopiert doch nie erreicht-. Sogar das Landgericht München hat sich mit der „Vorstadthochzeit“ befassen müssen. Es stellte schließlich fest, dass das Recht zur Durchführung dieses traditionellen Faschingfestes und die Führung dieser Bezeichnung allein dem Verein „Vorstadt-Hochzeit anno 1905 e.V.“ zustehe.